Aufsteigende Wirkkette: Vom Fuß bis zum Nacken

Schmerz-Ursachen

Aufsteigende Wirkkette: Vom Fuß bis zum Nacken

Artikel-Info
Version 1.0 · Veröffentlicht: Juni 2026 · Aktualisiert: Juni 2026
Datengrundlage: EVERSION Bewegungsreport 2026 (n=786)
Geprüft von
Medizinisch geprüft: Wolfgang Triebstein, Orthopädieschuhmachermeister
Wissenschaftliche Begleitung: Maximilian Starkmann, M. Sc. Sportwissenschaftler

Muskeln, Faszien und Gelenke arbeiten nicht isoliert, sondern in zusammenhängenden Ketten, die den gesamten Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel verbinden. Thomas Myers beschreibt diese Verbindungen in seinem Standardwerk „Anatomy Trains" (2020) als myofasziale Meridiane: Zugbahnen im Bindegewebe, über die Kraft, Spannung und Fehlstellung von einer Körperregion zur nächsten weitergeleitet werden. Verändert sich die Stellung am Fuß, verändert sich die Spannung entlang der gesamten Kette. Eine Analyse von 786 EVERSION Nutzern zeigt: In der Mehrzahl der Fälle treten Schmerzen nicht in einer einzelnen Region auf, sondern gleichzeitig in mehreren Bereichen, am häufigsten in Lendenwirbelsäule (58 Prozent), Nacken (51 Prozent), Knie (46 Prozent) und Fuß (44 Prozent).

Dieses Muster ist kein Zufall. Es ist die aufsteigende Wirkkette in Aktion.


Wenn der Körper an Stellen schmerzt, die keinen Sinn ergeben

Du hast Nackenschmerzen, obwohl du nichts Schweres gehoben hast. Deine Knie tun weh, obwohl kein Arzt etwas findet. Dein Rücken ist morgens steif, obwohl du auf einer guten Matratze schläfst. Du bist nach einem normalen Tag erschöpft, obwohl du dich kaum bewegt hast. Du warst beim Orthopäden, beim Physiotherapeuten, vielleicht sogar beim Osteopathen. Jeder hat die schmerzende Stelle behandelt. Die Knie, den Rücken, den Nacken. Es wurde besser, für eine Weile. Dann kam der Schmerz zurück. Manchmal an derselben Stelle, manchmal woanders.

Oder du bist etwas älter und dir wird gesagt: Das ist Arthrose, das ist halt das Alter. Im Röntgenbild sieht man Verschleiß und damit scheint alles erklärt. Aber was viele nicht wissen: Der Arthrosegrad im Röntgenbild korreliert häufig nicht mit der Schmerzintensität. Das MSD Manual spricht von einer „häufigen Diskrepanz zwischen dem Schweregrad der Symptome und dem Schweregrad der Veränderungen in der Bildgebung". Nur 20 bis 30 Prozent der Menschen mit einer nachweisbaren Arthrose im Röntgenbild haben überhaupt Beschwerden. Das bedeutet: Verschleiß allein erklärt den Schmerz nicht. Es gibt einen zusätzlichen Faktor, der bestimmt, ob und wie stark der Verschleiß weh tut. Und selbst bei bestehender Arthrose lässt sich die Belastung auf das betroffene Gelenk beeinflussen, wenn man die äußeren Kräfte verändert, die auf den Körper wirken.

Das ist kein Versagen der Behandlung. Es ist ein Hinweis darauf, dass die Ursache nicht dort liegt, wo es weh tut.

Wolfgang Triebstein

„Ich beschäftige mich seit über 40 Jahren jeden Tag mit den Schmerzen meiner Kunden. Und das Überraschende ist: Die Ursache liegt sehr oft nicht dort, wo es weh tut."

– Wolfgang Triebstein, Orthopädieschuhmachermeister

Warum die übliche Diagnostik die Ursache übersieht

Die klassische Diagnostik übersieht die Ursache, weil sie nur die schmerzende Struktur untersucht – nicht das System, das sie belastet. Die medizinische Leitlinie folgt einem logischen Prinzip: Knieschmerzen bedeuten MRT vom Knie. Rückenschmerzen bedeuten Bildgebung der Wirbelsäule. Nackenverspannung bedeutet Physiotherapie für den Nacken. Dieser Ansatz ist unverzichtbar, um strukturelle Schäden auszuschließen. Für die Mehrzahl der unspezifischen Schmerzen, bei denen keine strukturelle Ursache gefunden wird, greift er aber zu kurz.

Der Grund: Der menschliche Körper ist kein Baukastensystem aus unabhängigen Teilen. Er ist ein zusammenhängendes System, in dem jede Struktur mit jeder anderen verbunden ist. Und dieses System steht nicht im leeren Raum, sondern unter dem ständigen Einfluss äußerer Kräfte. Die wichtigste äußere Kraft ist die Schwerkraft. Und die wichtigste Schnittstelle zwischen Körper und äußerer Welt sind die Füße, beziehungsweise die Schuhe, in denen sie stecken.

Schematische Übersicht der zwölf myofaszialen Linien nach Thomas Myers am menschlichen Körper.
Schematische Darstellung der myofaszialen Linien nach Thomas Myers: Faszien verbinden Fuß, Beine, Becken, Rücken, Schultern und Nacken zu durchgehenden Zugbahnen.

Die Wirkketten: Was Thomas Myers entdeckt hat

Thomas Myers hat das Bindegewebe als zusammenhängendes Netz aus durchgehenden Zugbahnen kartiert – den myofaszialen Meridianen. Als Schüler der Faszienforscherin Ida Rolf begann er in den 1990er Jahren, die bindegewebigen Verbindungen im menschlichen Körper systematisch zu untersuchen. Sein Ergebnis, erstmals 1997 publiziert und seitdem in fünf Auflagen seines Buches „Anatomy Trains" (aktuelle Ausgabe 2020) weiterentwickelt, sind durchgehende Zugbahnen im Bindegewebe, die Muskeln, Sehnen und Faszien über Gelenke hinweg miteinander verbinden.

Das Grundprinzip lässt sich einfach erklären: Faszien sind nicht nur Verpackungsmaterial um einzelne Muskeln. Sie bilden ein zusammenhängendes Netz, das den gesamten Körper durchzieht. Stell dir eine eng gestrickte Strumpfhose vor: Ziehst du unten am Fuß, spürst du die Spannung am Bund. Innerhalb dieses Netzes gibt es bevorzugte Zugrichtungen, entlang derer Kraft und Spannung weitergeleitet werden. Myers hat diese Zugrichtungen als „Züge" (Trains) beschrieben und in der aktuellen vierten Auflage zwölf Hauptlinien identifiziert. Eine Metastudie von Wilke et al. (2016) an der Goethe Universität Frankfurt hat die anatomische Existenz mehrerer dieser Linien durch Untersuchung von Dissektionsstudien wissenschaftlich bestätigt.

Für das Verständnis der Verbindung zwischen Fuß und Körper lassen sich die zwölf Linien in zwei Gruppen einteilen: Linien, die direkt am Fuß beginnen und von der schiefen Ebene im Schuh unmittelbar betroffen sind, und Linien, die indirekt beeinflusst werden, weil sie von den direkten Linien Spannung übertragen bekommen.

Direkt beeinflusst: Die fünf Linien, die am Fuß beginnen

Die Oberflächliche Rückenlinie (Superficial Back Line). Sie verbindet die gesamte Körperrückseite in zwei Abschnitten: Plantarfaszie an der Fußsohle → kurze Zehenbeuger → Wadenmuskulatur (Gastrocnemius) → hintere Oberschenkelmuskulatur (Hamstrings) → Kreuzbein-Hüftband (Ligamentum sacrotuberale) → Rückenstrecker (Erector spinae) → Nackenmuskulatur → Kopffaszie (Galea aponeurotica) bis zur Stirn. Diese Linie ist die direkteste Verbindung zwischen Fußsohle und Hinterkopf. Jede Veränderung der Plantarfaszienspannung durch die schiefe Ebene im Schuh überträgt sich über diese Kette bis in den Nacken.

Die Oberflächliche Frontlinie (Superficial Front Line). Sie verläuft an der Körpervorderseite: Zehenstrecker und Tibialis anterior am Unterschenkel → Quadrizeps am Oberschenkel → Rectus abdominis (gerader Bauchmuskel) → Brustbein → Kopfwender (Sternocleidomastoideus) bis zur Schädelbasis. Wenn der Fuß in einem weichen Schuh einsinkt und die natürliche Abfederung durch die Zehenstrecker gestört wird, erhöht sich die Spannung in der gesamten Frontkette, was sich als Verspannung in der vorderen Hals- und Kiefermuskulatur äußern kann.

Die Laterallinie (Lateral Line). Sie verläuft an der Außenseite des Körpers: Peroneusmuskulatur am Unterschenkel → Tractus iliotibialis (IT-Band) am Oberschenkel → seitliche Bauchmuskulatur (Obliquus externus, Intercostalmuskeln) → Kopfwender und Splenius am Nacken. Diese Linie ist für den Eversionswinkel die wichtigste, denn sie verbindet genau die Strukturen an der Fußaußenseite und am Unterschenkel, die bei einer Außenkippung im Schuh als erste unter Spannung geraten. Es gibt sie links und rechts, und eine Asymmetrie im Eversionswinkel erzeugt eine Asymmetrie in den beiden Laterallinien.

Die Spirallinie (Spiral Line). Sie wickelt sich in einer Doppelhelix um den Körper: Splenius capitis am Nacken → Rhomboideus am Schulterblatt → Serratus anterior → Obliquus externus → Obliquus internus der Gegenseite → Tractus iliotibialis → Tibialis anterior am Unterschenkel → Peroneus longus am Fuß → und zurück über den Biceps femoris und das Ligamentum sacrotuberale zum Rücken. Diese Linie verbindet Fußrotation mit Rumpfrotation. Jede Rotation des Fußes im Schuh (um die Längsachse des Unterschenkels) überträgt sich spiralförmig durch den gesamten Rumpf bis in die Schultern und den Nacken.

Die Tiefe Frontlinie (Deep Front Line). Sie bildet den Kern des Körpers und seine tiefste stabilisierende Struktur: Tibialis posterior und lange Zehenbeuger am Unterschenkel → Kniegelenkskapsel → Adduktoren am Oberschenkel → Beckenboden → Psoas major (der tiefe Hüftbeuger, der als einziger Muskel Wirbelsäule und Bein verbindet) → Zwerchfell → Mediastinum → tiefe Halsmuskulatur bis zum Mundboden. Diese Linie reagiert auf jede Instabilität am Fuß, denn der Tibialis posterior ist der erste Muskel, der bei einer Außenkippung gegensteuert. Über den Psoas verbindet sie den Fuß direkt mit der Lendenwirbelsäule.

Indirekt beeinflusst: Die Linien, die Spannung übernehmen

Die Hintere Funktionslinie (Back Functional Line). Sie verbindet über den Rücken das Bein einer Seite diagonal mit dem Arm der Gegenseite: Gluteus maximus → thorakolumbale Faszie → Latissimus dorsi der Gegenseite. Wenn die Laterallinie und die Spirallinie durch die schiefe Ebene unter Dauerspannung stehen, verändert sich die Beckenstellung. Das überträgt sich über die Hintere Funktionslinie auf die Schulter und den Arm der Gegenseite. Das erklärt, warum manche Menschen eine einseitige Schulterverspannung haben, die auf der gegenüberliegenden Seite ihres stärker belasteten Fußes liegt.

Die Vordere Funktionslinie (Front Functional Line). Sie ist das Spiegelbild auf der Körpervorderseite: Adductor longus → Rectus abdominis → Pectoralis major der Gegenseite. Auch sie überträgt Asymmetrien aus dem Becken diagonal nach oben in den Schultergürtel. Zusammen mit der Hinteren Funktionslinie bildet sie ein X-förmiges Muster über den Rumpf, das erklärt, warum Fehlstellungen am Fuß sich als diagonale Verspannungsmuster im Oberkörper zeigen können.

Die Ipsilaterale Funktionslinie (Ipsilateral Functional Line). Diese Linie wurde in der vierten Auflage von Anatomy Trains (2020) neu aufgenommen. Im Gegensatz zu den diagonalen Funktionslinien verbindet sie Bein und Arm auf derselben Körperseite: Adduktor → Obliquus → Latissimus derselben Seite. Sie ist relevant für einseitige Belastungsmuster, etwa wenn ein stärkerer Eversionswinkel auf einer Seite auch auf der gleichen Seite Verspannungen im Schultergürtel erzeugt.

Die vier Armlinien (Arm Lines). Myers beschreibt vier Linien, die vom Rumpf über die Schulter in die Arme verlaufen. Sie beginnen nicht am Fuß und werden nicht direkt von der schiefen Ebene beeinflusst. Aber sie setzen am Schultergürtel an, und der Schultergürtel wird über die Lateral-, Spiral- und Funktionslinien von unten beeinflusst. Wenn die Schulterstellung durch die aufsteigende Wirkkette verändert wird, verändern sich auch die Spannungsverhältnisse in den Armen. Das kann sich als Tennisellenbogen, Karpaltunnelsyndrom oder chronische Schulterbeschwerden äußern, deren Ursache im Schuh liegt.

Zusammen ergeben diese zwölf Linien ein vollständiges Bild: Fünf Linien beginnen direkt am Fuß und werden von der schiefen Ebene im Schuh unmittelbar beeinflusst. Drei Funktionslinien und vier Armlinien übernehmen die veränderte Spannung indirekt über Rumpf und Schultergürtel. Kein Bereich des Körpers ist von der Wirkkette ausgenommen.


Ein älterer Gedanke: Die Traditionelle Chinesische Medizin

Die Idee, dass der Fuß mit dem gesamten Körper verbunden ist, ist nicht neu. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und die Fußreflexzonentherapie beschreiben seit Jahrhunderten Verbindungen zwischen bestimmten Zonen an der Fußsohle und Organen beziehungsweise Körperregionen. Die Großzehenspitze ist in der TCM der Zone Kopf und Nacken zugeordnet, die Ferse der Zone Becken und unterer Rücken.

Was Myers mit den Anatomy Trains auf anatomischer Ebene beschreibt, hatte die TCM auf empirischer Ebene bereits kartiert. Die Mechanismen sind unterschiedlich beschrieben, aber die Grundeinsicht ist dieselbe: Der Fuß ist kein isoliertes Körperteil. Er ist der Ausgangspunkt von Verbindungen, die den gesamten Organismus durchziehen.

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Die physikalische Grundlage: Schwerkraft und Gegenkraft

Barfuß auf festem Boden heben sich Schwerkraft und Gegenkraft auf – im Schuh nicht mehr. Es gibt eine Konstante, die überall auf der Erde gleich ist: die Schwerkraft. Sie wirkt senkrecht nach unten, zu jeder Zeit, auf jeden Körper. Wenn wir barfuß auf einem ebenen, festen Boden stehen, trifft diese Schwerkraft auf eine gleichgerichtete Gegenkraft: den Boden, der senkrecht nach oben drückt. Die beiden Kräfte heben sich auf. Der Körper steht im Gleichgewicht, ohne dass die Muskulatur aktiv arbeiten muss.

Vergleich der Kräfteverhältnisse: barfuß auf ebenem Boden (0 Grad) gegenüber der schiefen Ebene im Schuh.
Im Schuh treffen Schwerkraft und Gegenkraft nicht mehr senkrecht aufeinander: Die nachgebende Sohle erzeugt eine schiefe Ebene und verändert die Belastung der Wirkketten.

Natürlich war der Boden in der Menschheitsgeschichte nicht immer eben. Wir sind über Steine gelaufen, durch Wald, über Gras und Sand. Aber der Boden war stabil. Er gab nicht nach. Und über den Verlauf eines Tages war der durchschnittliche Winkel zwischen Fuß und Boden annähernd 0 Grad, weil die Unebenheiten sich in alle Richtungen verteilten. Mal etwas nach links, mal etwas nach rechts, mal ein Stein, mal eine Mulde. Im Mittel: eben.

Dann haben wir Schuhe angezogen. Und ab diesem Moment verändert sich das Fundament. Die Schwerkraft wirkt immer noch senkrecht nach unten. Aber die Gegenkraft kommt jetzt nicht mehr vom stabilen Boden, sondern von einer Schuhsohle, die unter Belastung nachgibt und eine schiefe Ebene erzeugt. Und im Gegensatz zum natürlichen Boden, der bei jedem Schritt anders war, ist diese schiefe Ebene monoton: bei jedem Schritt in dieselbe Richtung, mit demselben Winkel, den ganzen Tag.

Körpergrafik, die zeigt, welche myofasziale Wirkkette mit welchen Beschwerden in Rücken, Knie, Hüfte, Schulter und Nacken zusammenhängt.
Eine Fehlbelastung am Fuß kann über die hintere Wirkkette bis in Knie, Becken, unteren Rücken und Nacken weitergeleitet werden.

Wie die schiefe Ebene über die Wirkketten konkrete Beschwerden erzeugt

Die schiefe Ebene verändert die Fußstellung im Schuh, und diese Veränderung wandert über die Wirkketten in genau die Regionen, die sie kompensieren müssen. In der überwiegenden Mehrzahl der EVERSION Messungen kippt der Fuß im Schuh nach außen. Aber nicht bei jedem Menschen und nicht in jedem Schuh gleich. Manche kippen stärker, manche weniger, manche haben links einen anderen Winkel als rechts, manche werden durch Beinlängendifferenzen zusätzlich beeinflusst. Genau deshalb ist die individuelle Messung so entscheidend: Erst die Messung im eigenen Schuh über mehrere Stunden im Alltag zeigt, wie genau der Fuß kippt und wie stark.

Ein verbreiteter Irrtum: „Ich kippe doch nach innen." Die meisten Menschen, die beim Orthopäden oder im Sanitätshaus waren, haben gehört: „Sie knicken nach innen ein." Das basiert auf der statischen Betrachtung des barfüßigen Fußes. Im Stehen ohne Schuhe senkt sich bei vielen Menschen das Längsgewölbe leicht ab, und es sieht aus, als ob der Fuß nach innen kippt. Auf Basis dieser Beobachtung wird dann eine Einlage gefertigt, die das Gewölbe von innen stützt. Was dabei übersehen wird: Im Schuh, unter den realen Bedingungen des Gehens, kippt der Fuß in den meisten Fällen nicht nach innen, sondern nach außen. Die Sohle gibt unter Belastung entlang der Ganglinie asymmetrisch nach und erzeugt eine Außenkippung. Die Einlage, die das Gewölbe innen stützt, adressiert ein Problem, das im Schuh gar nicht das relevante ist.

EVERSION misst die tatsächliche Kippung im Schuh als externen Eversionswinkel. Bei einer Außenkippung zeigt er ein negatives Vorzeichen (technisch eine externe Inversion). Diese veränderte Fußstellung trifft auf die myofaszialen Meridiane und erzeugt über die verschiedenen Linien charakteristische Beschwerdebilder:

Kreuzschmerzen und LWS-Beschwerden. Die Oberflächliche Rückenlinie überträgt die veränderte Plantarfaszienspannung über die Hamstrings und das Kreuzbein-Hüftband direkt auf die Rückenstrecker. Gleichzeitig reagiert die Tiefe Frontlinie: Der Tibialis posterior spannt sich gegen die Außenkippung an, diese Spannung überträgt sich über die Adduktoren auf den Psoas, der sich unter Daueranspannung verkürzt. Die Folge ist eine Beckenkippung nach vorne und eine verstärkte LWS-Lordose, die die Bandscheiben und Facettengelenke belastet. 58 Prozent der EVERSION Nutzer berichten über LWS-Schmerzen. → Rückenschmerzen: Wenn die Ursache nicht im Rücken liegt

Nackenschmerzen und Kopfschmerzen. Die Oberflächliche Rückenlinie endet an der Kopffaszie, die Laterallinie am Splenius und Kopfwender. Beide Linien müssen die Schräglage von unten permanent ausgleichen, damit der Kopf gerade bleibt. Die Nackenmuskulatur ist die letzte Station der Kompensation und steht unter dauerhaftem Mehrtonus. 51 Prozent der EVERSION Nutzer berichten über Nackenschmerzen, 21 Prozent über Kopfschmerzen. → Nackenschmerzen: Liegt die Ursache in deinen Füßen?

Knieschmerzen. Die Laterallinie überträgt die Außenkippung über den Tractus iliotibialis direkt auf die Knieaußenseite. Die Spirallinie erzeugt eine Rotationskomponente, die das Knie unter Drehbelastung setzt. Und die Oberflächliche Frontlinie verändert über den Quadrizeps die Zugrichtung auf die Kniescheibe. 46 Prozent der EVERSION Nutzer berichten über Knieschmerzen, der Zusammenhang zwischen Fußpronation und medialer Kniearthrose ist wissenschaftlich belegt (Pinto et al., 2008). → Knieschmerzen: Wenn die Ursache nicht im Knie liegt

Hüftschmerzen und Piriformis-Syndrom. Die Tiefe Frontlinie überträgt die Spannung vom Tibialis posterior über die Adduktoren in die tiefe Hüftmuskulatur. Die Spirallinie erzeugt über den Biceps femoris und das Kreuzbein-Hüftband eine Rotationsbelastung im Becken. Der Piriformis-Muskel, der tief in der Gesäßmuskulatur liegt und den Ischiasnerv überkreuzt, reagiert auf diese Rotationsbelastung mit Daueranspannung und kann den Ischiasnerv komprimieren. 31 Prozent der EVERSION Nutzer berichten über Hüftschmerzen. → Hüftschmerzen: Die Verbindung zum Fuß

Schulterschmerzen und Armbeschwerden. Die Hintere und Vordere Funktionslinie übertragen die Beckenasymmetrie diagonal in den Schultergürtel der Gegenseite. Von dort können die Armlinien betroffen werden. Das erklärt, warum manche Menschen eine einseitige Schulterverspannung oder chronische Armbeschwerden entwickeln, deren Ursache in einer Fußfehlstellung auf der gegenüberliegenden Seite liegt. 22 Prozent der EVERSION Nutzer berichten über Schulterschmerzen. → Schulterschmerzen: Warum dein Schuhwerk eine Rolle spielen kann

Skoliose-Tendenz und Beckenschiefstand. Wenn der Eversionswinkel auf beiden Seiten unterschiedlich stark ausgeprägt ist, entsteht eine asymmetrische Belastung der Laterallinien und der Spirallinie. Die eine Körperseite kompensiert stärker als die andere. Über Monate und Jahre kann sich daraus eine funktionelle Skoliose-Tendenz entwickeln, also eine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule, die nicht knöchern bedingt ist, sondern durch die asymmetrische Muskelspannung entsteht.

Wolfgangs Ansatz: Exomechanik

Wolfgangs Exomechanik dreht die Diagnostik um: Statt von den inneren Strukturen auszugehen, beginnt sie bei den äußeren Kräften, die eine Wirkkette im Körper anstoßen. Er hat den Ansatz in über 40 Jahren Arbeit im Sanitätshaus und in seinem privaten Ganglabor entwickelt.

Die klassische Medizin arbeitet von innen nach außen: Sie untersucht innere Strukturen (Knochen, Bandscheiben, Muskeln) und sucht dort nach der Ursache. Wolfgangs Ansatz arbeitet von außen nach innen: Wenn alle inneren Strukturen intakt sind und die Beschwerden trotzdem bestehen, muss man nach äußeren mechanischen Kräften suchen, die eine Wirkkette im Körper anstoßen.

Der aufrechte Gang des Menschen bewirkt, dass die meisten externen mechanischen Kräfte am Fuß angreifen. Der Krafteintrittsbereich ist auf wenige Quadratzentimeter beschränkt. Diese Tatsache begründet, warum die Messung am Fuß ausreicht, um Aussagen über den gesamten Körper zu treffen. Der externe Eversionswinkel erfasst die Abweichung der Ebene zwischen Fuß und Schuh und ist damit der entscheidende Parameter, der die Wirkketten im gesamten Körper beeinflusst.

Wolfgangs zentrale Beobachtung: Auch minimale Winkelabweichungen von nur 1,8 bis 3,7 Grad, die für sich genommen harmlos erscheinen, erzeugen über die Wirkketten messbare Veränderungen in der Muskelspannung des gesamten Körpers. Und zwar nicht einmalig, sondern bei jedem einzelnen der 6.000 bis 10.000 Schritte am Tag, monoton und über Jahre hinweg.

Mehr dazu: Der externe Eversionswinkel: Der Parameter, den die Orthopädie übersieht


Was du jetzt tun kannst

Wenn du unter Schmerzen leidest, die an verschiedenen Stellen im Körper auftreten, wenn Behandlungen zwar kurzfristig helfen, aber der Schmerz immer wiederkommt, und wenn kein Arzt eine eindeutige Ursache finden kann, dann lohnt sich ein Perspektivwechsel: nicht die einzelne Schmerzstelle betrachten, sondern das System. Und das System beginnt am Schuh, denn der Schuh bestimmt die Kräfte, die auf den Fuß und damit auf den gesamten Körper wirken.

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Häufige Fragen

Was sind myofasziale Wirkketten?

Zusammenhängende Zugbahnen im Bindegewebe, die Muskeln, Sehnen und Faszien über Gelenke hinweg verbinden. Thomas Myers hat in seinem Werk „Anatomy Trains" (4. Auflage, 2020) zwölf Hauptlinien beschrieben, die den gesamten Körper durchziehen: fünf davon beginnen direkt am Fuß, sieben weitere übernehmen Spannung indirekt über Rumpf und Schultergürtel. Verändert sich die Spannung an einem Ende der Kette, überträgt sich die Veränderung auf die gesamte Linie.

Kann eine Veränderung am Fuß wirklich Nackenschmerzen verursachen?

Ja. Die Oberflächliche Rückenlinie verbindet die Plantarfaszie an der Fußsohle über die Waden, Hamstrings und Rückenstrecker direkt mit der Nackenmuskulatur. 51 Prozent der EVERSION Nutzer (n=786) berichten über Nackenschmerzen, obwohl ihre gemessene Fehlstellung am Fuß liegt.

Was ist der Unterschied zwischen Exomechanik und klassischer Diagnostik?

Die klassische Diagnostik sucht die Ursache von innen (Bildgebung, Fußdruckmessung). Wolfgangs Exomechanik sucht von außen: Welche externen mechanischen Kräfte wirken auf den Körper und stoßen eine Wirkkette an? Der zentrale Parameter ist der externe Eversionswinkel, die Schräglage zwischen Fuß und Schuh.

Gibt es wissenschaftliche Belege für die Anatomy Trains?

Ja. Eine Metastudie von Wilke et al. (2016) an der Goethe Universität Frankfurt untersuchte Dissektionsstudien und bestätigte die anatomische Existenz mehrerer der von Myers beschriebenen myofaszialen Meridiane, insbesondere der Oberflächlichen Rückenlinie und der Laterallinie.

Warum sind 2 bis 3 Grad Eversionswinkel ein Problem?

Weil sie nicht einmalig auftreten, sondern monoton bei jedem der 6.000 bis 10.000 Schritte am Tag, in dieselbe Richtung. Im Gegensatz zum natürlichen Boden, der bei jedem Schritt variierte, erzeugt der Schuh eine gleichbleibende Fehlbelastung. Über Monate und Jahre summiert sich das zu messbaren Veränderungen in der Muskelspannung und Gelenkbelastung des gesamten Körpers.

Mir wurde gesagt, ich knicke nach innen ein. Stimmt das nicht?

Die Beobachtung stimmt häufig, die Schlussfolgerung nicht. Beim statischen Stehen ohne Schuhe senkt sich bei vielen Menschen das Längsgewölbe ab. Im Schuh kippt der Fuß aber in der Mehrzahl der EVERSION Messungen nach außen. Das Einknicken nach innen, das von außen sichtbar ist, ist oft die Kompensationsreaktion auf die primäre Außenkippung. Das ist der Grund, warum Einlagen, die innen stützen, oft nicht dauerhaft helfen.

Ich habe Arthrose. Ist das nicht einfach Verschleiß?

Arthrose ist real, aber sie erklärt den Schmerz oft nicht vollständig. Nur 20 bis 30 Prozent der Menschen mit nachweisbarer Arthrose im Röntgenbild haben Beschwerden. Der Arthrosegrad korreliert häufig nicht mit der Schmerzintensität. Das bedeutet: Selbst bei bestehender Arthrose lässt sich die Belastung auf das Gelenk beeinflussen, indem man die äußeren Kräfte verändert, die über die Wirkketten auf das Gelenk wirken.

Über die Autoren

Wolfgang Triebstein
Wolfgang Triebstein Orthopädieschuhmachermeister · Über 40 Jahre Erfahrung im Sanitätshaus und privatem Ganglabor · Über 3.000 Patienten versorgt · Co-Founder, EVERSION Technologies GmbH

Wolfgang Triebstein hat in über vier Jahrzehnten als Orthopädieschuhmachermeister ein biomechanisches Modell entwickelt, das die Wechselwirkung zwischen Schuh und Bewegungsapparat in den Mittelpunkt stellt. Sein Ansatz, die Exomechanik, untersucht, wie äußere Kräfte über die aufsteigende Wirkkette Schmerzen im gesamten Körper auslösen können.

Maximilian Starkmann
Maximilian Starkmann M. Sc. Sportwissenschaftler · Wissenschaftlicher Mitarbeiter, EVERSION Technologies GmbH

Maximilian Starkmann verantwortet die wissenschaftliche Validierung des EVERSION Systems. Er hat die klinischen Studien an der Universität Konstanz und der TU München durchgeführt und die Messgenauigkeit der EVERSION Sensoren gegen Goldstandard-Systeme wie VICON und OptoGait validiert.

Quellenverzeichnis anzeigen

Farahpour, N., et al. (2016). Effects of foot position on standing balance and lumbar lordosis. Gait & Posture, 49.

Kelly, L. A., et al. (2014). Intrinsic foot muscles contribute to elastic energy storage and return in the human foot. Journal of Applied Physiology, 116(3).

Levinger, P., et al. (2010). Foot kinematics in people with knee osteoarthritis. Clinical Biomechanics, 25(4).

MSD Manual (2024). Arthrose: Diskrepanz zwischen Schweregrad der Symptome und der Veränderungen in der Bildgebung.

Myers, T. W. (2020). Anatomy Trains: Myofascial Meridians for Manual Therapists and Movement Professionals. 4th Edition. Elsevier.

Pinto, R. Z., et al. (2008). Foot pronation is associated with knee osteoarthritis. Journal of Foot and Ankle Research, 1(Suppl 1).

Powers, C. M. (2010). The influence of altered lower-extremity kinematics on patellofemoral joint dysfunction. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 33(11).

Starkmann, M. (2025). Impact of Insoles on Pain and Quality of Life in Individuals with Musculoskeletal Pain. Universität Konstanz.

Tateuchi, H. (2019). Gait- and postural-alignment-related factors associated with hip osteoarthritis. Physical Therapy Research, 22(2).

Wilke, J., et al. (2016). What is evidence-based about myofascial chains: A systematic review. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation, 97(3), 454-461.